Im Jahr des Hahnes:

1.-4. September 2005

Horn-Bad Meinberg

 

 

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Japan in Lippe

ist Projekt des

Japan-EU-Jahr der Begegnung 2005

Japan-EU-Jahr der Begegnung 2005

 

Kyudo

Traditionelles japanisches Bogenschießen

Peter Kollotzek (53) berichtet dazu in einer Fachzeitung:

Seit 1990 schieße ich mit dem westlichen Recurvebogen im RSV Detmold-Klüt, seit einigen Jahren auch mit dem japanischen Langbogen. Dabei habe ich auf Grund der völlig verschiedenen Schießtechniken und Hintergründe sehr interessante Erfahrungen machen können, die sich zunächst in einigen Fragen niedergeschlagen haben, die sich mir stellten und auch von anderen Schützen immer wieder an mich herangetragen worden sind. Einige davon will ich im folgenden Text einmal zu beantworten versuchen.

Peter Kollotzek

Was ist Kyudo?

Kyu-do ist die Bezeichnung für das traditionelle japanische Bogenschießen (kyu oder jumi – Bogen; do oder auch michi – Weg), das mit dem Ziel der Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit durchgeführt wird. Ähnliches verfolgen die Sportarten Ju-do, Aiki-do, Karate-do, aber auch die Teezeremonie (cha-do) und die Kalligraphie (sho-do). – Das lediglich trefferorientierte Schießen als rein technische Fertigkeit müsste Kyu-jutsu genannt werden.
Seit wann gibt es Kyudo? Das Schießen mit dem japanischen Langbogen ist erst unter dem Einfluss des Zen-Buddhismus zum „Do" geworden. Vorher unterschieden sich verschiedene, stark konkurrierende Stilrichtungen jeweils nach der Art und Weise, wie der Bogen im Kriegsfall oder im Bereich des zeremoniellen Schießens bei Hofe gehalten, gespannt und abgeschossen wurde. Erst im 20. Jahrhundert konnte man sich auf zwei Hauptstilrichtungen (s. u.) einigen.

Warum ist der japanische Bogen so lang und wird im unteren Drittel gegriffen?

Verschiedene Abbildungen zeigen sehr unterschiedliche Bogenformen und Längen. In der frühen Yayoi-Periode (250 v. Chr. – 330 n. Chr.) finden sich erstmals asymmetrische Bögen, sie werden in schriftlichen Überlieferungen erwähnt.

Folgende Gründe für die Asymmetrie werden in der Literatur angeführt: - Aus einem Ast / kleinen Stamm lässt sich vor 2000 Jahren ohne viel Aufwand in kurzer Zeit ein Bogen herstellen, wobei dann aber das untere Ende dicker / schwerer, das obere etwas leichter ist. Also greift man etwas unterhalb der Mitte, um das „Gleichgewicht" herzustellen. - Eine andere Erklärung betont, dass die Größe des Bogens für die Yayoi auch ein Status-symbol gewesen sein soll. Bei der geringen Körpergröße der Ureinwohner vor 2000 Jah-ren und dem Einsatz auch im Knien hinter einer Deckung musste der Bogen im unteren Drittel gefasst werden. - Eine neue Theorie geht von der natürlichen Handhaltung eines nach vorne gestreckten Armes aus. Der im unteren Drittel gefasste Bogen schmiegt sich besser in die Hand als ein senkrecht in der Hand liegendes Mittelteil (vgl. „Pistolengriff").

Um 1200 wurde die Länge des Bogens nach vorausgegangenen Experimenten auch mit der Composit-Technik der Chinesen auf etwa 220 Zentimeter festgelegt. So konnte der gleiche Bogen mit nahezu der gleichen Schießtechnik sowohl von den Fußtruppen im Stand und im Knien, aber auch von den Reitern benutzt werden.

Wie viel Spannkraft hat ein Kyudo-Bogen?

Die üblichen Zugstärken sind (bei 90 Zentimeter Auszugslänge) etwa 10 bis 12 Kilogramm, d. h. etwa 22 bis 26 lbs. für Anfänger – auch für geübte Schützen mit anderen Bögen! Das scheint wenig zu sein, aber der Ablauf eines Schusses vom Anheben des Bogens unter leichter Spannung bis zum Lösen dauert etwa 15 Sekunden und muss immer absolut gleich ausgeführt werden! Es soll Schützen geben, die Bögen mit Zugstärken von 25 kg schießen können. Austrainierte Japaner selbst schießen in der Regel nicht mehr als 15 – 17 kg. Kriegsbögen hatten früher Zuggewichte von bis zu 40 kg, sie wurden aber mit einer anderen Technik geschossen.

Warum wird der Pfeil auf der „falschen" Seite aufgelegt?

Die Trageweise der 90 – 100 Zentimeter langen Pfeile in einem Hüftköcher und das Herausnehmen an der Pfeilspitze – dabei konnte der Schütze, ohne den Blick vom Ziel zu nehmen, jeweils zwischen verschiedenen Spitzen wählen – führt dazu, den Pfeil in einem Bogen auf die Außenseite (in Schussrichtung rechts neben dem senkrecht gestellten Bogen) zu führen, dort mit zwei Fingern der linken Hand, die auch den Bogen hält, einzuklemmen, in einer Bewegung den Pfeil auf der Sehne einzunocken und die Sehne zu spannen.

Warum dreht sich der Bogen nach dem Abschuss?

Der Langbogen ist leicht seitlich gekrümmt, entspricht in der Sicht in Richtung des anvisierten Ziels also einem „C". Damit ist das Schussfenster rechts. Wer im westlichen Bogensport schon einmal einen „krummen" Bogen geschossen hat, bemerkt, dass sich der Bogen beim Spannen in der Hand „verdreht". (Erkennbar oft an der sich seitlich bewegenden Stabilisierung eines modernen Recurvebogens.) Dieser leicht seitlich nach rechts auftretenden „Verbiegung" wird durch einen Druck des Daumengrundgelenkes auf die rechte Bogenseite entgegengewirkt, so dass der Bogen scheinbar wieder „gerade" ist. Damit aber entsteht eine leichte „Verwringung" des Bogens, die beim Abschuss aufgelöst wird und zu einem „Umschlagen" des Bogens in der linken Hand führt, die nur an der Daumenwurzel und dem kleinen Finger Bogenkontakt hat. Hier sind viele Jahre lang bei jedem Kyudo-Schützen immer wieder die meisten Fehler in der Technik zu finden. Diesen speziellen Griff der Hand nennt man Te-no-uchi („der Hand Inneres"). Nach dem Schuss muss der Bogen festgehalten werden! Ein Öffnen der Hand oder ein Lockern des Griffes wäre ein großer Fehler!

Welche Kyudo-Stilrichtungen gibt es?

Man unterschiedet die Heki-Schule (15. Jh.), die vom Kriegsschießen zu Fuß kommend den Bogen schon leicht in Zielrichtung (= Shamen-Stil) vorspannt und anhebt. Die Osagawara-Schule (= Shomen-Stil) hebt den Bogen mittig vor dem Körper an. Dieser Stil ist eher ein höfischer Stil, der so schon aus dem 13./14. Jahrhundert überliefert ist. In Japan wird überwiegend dieser Sho-men-Stil geschossen, den auch Herrigel in seinem Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens" beschreibt. – In Europa sind zur Zeit die Heki-Schützen in der Mehrzahl. Das hängt mit der Einführung des japanischen Bogenschießens durch Herrn Prof. G. Inagaki (Professur für Kyudo) zusammen, der als Heki-Schütze diesen Stil wissenschaftlich untersucht und Kyudo erst vor etwa 40 Jahren in Deutschland bekannt gemacht hat. Daneben werden im Shintoismus besondere Zeremonien immer noch mit Pfeil und Bogen durchgeführt, zum Beispiel bei der Geburt eines Kindes, der Einweihung von neuen Gebäuden... Das selten zu sehende Schießen zu Pferde (Yabusame) beherrschen in Japan nach inoffiziellen Angaben nur etwa 50 Schützen.

Eugen Herrigel spricht in seinem Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens" von „Es schießt". Herrigel definiert u. a. den Augenblick des Abschießens als einen nicht bewusst gesteuerten Moment. Als Philosophieprofessor muss man ihm zugestehen, dass er mit einem gewissen Vorverständnis im Bogenschießen auch etwas Philosophisches gesucht hat und finden „musste". Als Anfänger wird man zunächst die Technik als reines Handwerk jahrelang erlernen müssen, um dann vielleicht nach langer Zeit einmal einen scheinbar unbewusst abgegebenen Schuss (kein Denken, keine Vorstellung = musen muso) erleben zu können. Neue Interpretationen gehen sogar davon aus, dass Herrigels „Es schießt" ein möglicher Übersetzungsfehler oder Verständnisfehler des nicht so sehr des Japanischen mächtigen Professors gewesen ist!

Warum steht die Scheibe beim Kyudo fast auf dem Boden?

Die Entfernung und die Höhe des Ziels (knapp über dem Boden) gehen auf die kriegerische Schlachtordnung des Mittelalters zurück. Die Bogenschützen knieten in Deckung einige Meter hinter der ersten Reihe der Lanzenträger, die sich mit einem Abstand von etwa 10 Metern gegenüber standen. Da die Bogenschützen einen Brustpanzer und Helm, aber nur einen leichten Hüftpanzer aus Leder trugen, schoss man mit rasierklingenscharfen Pfeilen auf die Bauchgegend.

Wo kann man Kyudo lernen?

Im Internet findet man unter www.kyudo.de alle wichtigen Hinweise auf deutsche Vereine und Veranstaltungen. Unter www.kyudo.com gibt es noch mehr englischsprachige Informationen. Daneben gibt es eine vom Bogenbaumeister Shibata gegründete Weltorganisation, die ebenfalls über das Internet zu erreichen ist. [Eine Beurteilung der eher auf mentale Abläufe ausgerichteten Shibata-Lehre kann ich mir nicht erlauben, da ich sie zu wenig kenne.]

Wie lernt man Kyudo?

Am besten erkundigt man sich über das Internet und sucht sich einen Verein aus. Regelmäßig werden Einführungsveranstaltungen angeboten, in denen man das Gehen, das Tragen des Bogens, das richtige Hinstellen, die Vorbereitung des Bogens zum Schuss, den Bewegungsablauf mit einem Ziehgummi und das Verlassen der Schießposition erstmals kennen lernt und schon ausprobieren kann. Die weitere Ausbildung ist dann von der Anzahl der Trainingseinheiten abhängig.

Wie lange braucht man, um Kyudo zu lernen?

Nur unter sachkundiger Anleitung ist man nach etwa einem halben bis dreiviertel Jahr in der Lage, erstmals einen Pfeil in der vorgeschriebenen Weise auf ein Strohbündel (Makiwara) in etwa zweieinhalb Meter Entfernung zu schießen. Noch einmal drei bis vier Jahre dauert es, so sicher zu sein, dass man regelmäßig mit vier von zehn Pfeilen die 36 Zentimeter große, dann genau 28 Meter weit entfernte Papierscheibe trifft. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob man sie in der Mitte oder am Rand trifft. Wie in anderen fernöstlichen Sportarten gibt es im Deutschen Kyudo Bund Leistungsprüfungen (Schülergrade und Meistergrade/DAN). Erst beim 4. DAN müssen beide abgeschossenen Pfeile treffen! Das ist in der Regel frühestens nach 12 bis 14 Jahren!

Was kostet eine Ausrüstung?

Einfache Bögen gibt es ab 350 €, Pfeile ab 20 €/Stück. Der nach Maß geschneiderte Schießhandschuh ist nach etwa einem halben bis einem Jahr notwendig (- vorher übt man mehrere Monate mit einem Gummiband!) und kostet ab 250 €. Die besondere Kleidung schlägt mit 150 € zu Buche. Die ersten Monate werden lediglich Sportbekleidung und Durchhaltevermögen erwartet. Eine Ausrüstung sollte nur mit nach intensiver Beratung des Trainers gekauft werden, da Bogen- und Pfeillänge sehr von der Körpergröße und dem Leistungsstand abhängig sind.

Ist Kyudo gesund?

Unter biomechanischen Gesichtspunkten ist – durch eine gleichmäßigere Belastung beider Körperseiten – das Schießen mit dem japanischen Langbogen in der seit Jahrhunderten erprobten Form durchaus gesünder als das Schießen mit einem englischen Langbogen oder dem Recurve-Wettkampfbogen, da hier beide Körperseiten sehr unterschiedlich belastet werden. Am ehesten ist die Belastung mit einem technisch guten Compound-Schützen vergleichbar, der beide Schultern, Ellenbogen und Hände jeweils auf gleicher Höhe hat und „aus der Mitte" heraus löst. Unter psychologischer Sicht ist der prinzipielle Ansatz des Kyudo jedoch völlig anders! Während im westlichen Bogenschießen das Treffen als wesentliches Ergebnis im Vordergrund steht und oft auch so – leider auch oft falsch! – trainiert wird, wird im Kyudo über die Erarbeitung einer Bewegungsform über Jahre hinweg eine innere Einstellung des Schützen erzeugt, der am Gelingen der Bewegung mehr Freude empfindet als am Zufallstreffer. Jedoch führt die optimale Bewegungsausführung zwangsläufig auch immer (!) zum Treffer.

 









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