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Kyudo
Traditionelles japanisches Bogenschießen
Peter Kollotzek (53)
berichtet dazu in einer Fachzeitung:
Seit 1990 schieße ich mit dem westlichen Recurvebogen im RSV Detmold-Klüt,
seit einigen Jahren auch mit dem japanischen Langbogen. Dabei habe ich
auf Grund der völlig verschiedenen Schießtechniken und Hintergründe
sehr interessante Erfahrungen machen können, die sich zunächst
in einigen Fragen niedergeschlagen haben, die sich mir stellten und auch
von anderen Schützen immer wieder an mich herangetragen worden sind.
Einige davon will ich im folgenden Text einmal zu beantworten versuchen.
Peter
Kollotzek
Was ist Kyudo?
Kyu-do ist die Bezeichnung für das traditionelle japanische Bogenschießen
(kyu oder jumi Bogen; do oder auch michi Weg), das mit dem
Ziel der Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit durchgeführt
wird. Ähnliches verfolgen die Sportarten Ju-do, Aiki-do, Karate-do,
aber auch die Teezeremonie (cha-do) und die Kalligraphie (sho-do).
Das lediglich trefferorientierte Schießen als rein technische Fertigkeit
müsste Kyu-jutsu genannt werden.
Seit wann gibt es Kyudo? Das Schießen mit dem japanischen Langbogen
ist erst unter dem Einfluss des Zen-Buddhismus zum Do" geworden.
Vorher unterschieden sich verschiedene, stark konkurrierende Stilrichtungen
jeweils nach der Art und Weise, wie der Bogen im Kriegsfall oder im Bereich
des zeremoniellen Schießens bei Hofe gehalten, gespannt und abgeschossen
wurde. Erst im 20. Jahrhundert konnte man sich auf zwei Hauptstilrichtungen
(s. u.) einigen.
Warum ist der japanische Bogen so lang und wird im unteren Drittel gegriffen?
Verschiedene Abbildungen zeigen sehr unterschiedliche Bogenformen und
Längen. In der frühen Yayoi-Periode (250 v. Chr. 330
n. Chr.) finden sich erstmals asymmetrische Bögen, sie werden in
schriftlichen Überlieferungen erwähnt.
Folgende Gründe für die Asymmetrie werden in der Literatur
angeführt: - Aus einem Ast / kleinen Stamm lässt sich vor 2000
Jahren ohne viel Aufwand in kurzer Zeit ein Bogen herstellen, wobei dann
aber das untere Ende dicker / schwerer, das obere etwas leichter ist.
Also greift man etwas unterhalb der Mitte, um das Gleichgewicht"
herzustellen. - Eine andere Erklärung betont, dass die Größe
des Bogens für die Yayoi auch ein Status-symbol gewesen sein soll.
Bei der geringen Körpergröße der Ureinwohner vor 2000
Jah-ren und dem Einsatz auch im Knien hinter einer Deckung musste der
Bogen im unteren Drittel gefasst werden. - Eine neue Theorie geht von
der natürlichen Handhaltung eines nach vorne gestreckten Armes aus.
Der im unteren Drittel gefasste Bogen schmiegt sich besser in die Hand
als ein senkrecht in der Hand liegendes Mittelteil (vgl. Pistolengriff").
Um 1200 wurde die Länge des Bogens nach vorausgegangenen Experimenten
auch mit der Composit-Technik der Chinesen auf etwa 220 Zentimeter festgelegt.
So konnte der gleiche Bogen mit nahezu der gleichen Schießtechnik
sowohl von den Fußtruppen im Stand und im Knien, aber auch von den
Reitern benutzt werden.
Wie viel Spannkraft hat ein Kyudo-Bogen?
Die üblichen Zugstärken sind (bei 90 Zentimeter Auszugslänge)
etwa 10 bis 12 Kilogramm, d. h. etwa 22 bis 26 lbs. für Anfänger
auch für geübte Schützen mit anderen Bögen!
Das scheint wenig zu sein, aber der Ablauf eines Schusses vom Anheben
des Bogens unter leichter Spannung bis zum Lösen dauert etwa 15 Sekunden
und muss immer absolut gleich ausgeführt werden! Es soll Schützen
geben, die Bögen mit Zugstärken von 25 kg schießen können.
Austrainierte Japaner selbst schießen in der Regel nicht mehr als
15 17 kg. Kriegsbögen hatten früher Zuggewichte von bis
zu 40 kg, sie wurden aber mit einer anderen Technik geschossen.
Warum wird der Pfeil auf der falschen" Seite aufgelegt?
Die Trageweise der 90 100 Zentimeter langen Pfeile in einem Hüftköcher
und das Herausnehmen an der Pfeilspitze dabei konnte der Schütze,
ohne den Blick vom Ziel zu nehmen, jeweils zwischen verschiedenen Spitzen
wählen führt dazu, den Pfeil in einem Bogen auf die Außenseite
(in Schussrichtung rechts neben dem senkrecht gestellten Bogen) zu führen,
dort mit zwei Fingern der linken Hand, die auch den Bogen hält, einzuklemmen,
in einer Bewegung den Pfeil auf der Sehne einzunocken und die Sehne zu
spannen.
Warum dreht sich der Bogen nach dem Abschuss?
Der Langbogen ist leicht seitlich gekrümmt, entspricht in der Sicht
in Richtung des anvisierten Ziels also einem C". Damit ist
das Schussfenster rechts. Wer im westlichen Bogensport schon einmal einen
krummen" Bogen geschossen hat, bemerkt, dass sich der Bogen
beim Spannen in der Hand verdreht". (Erkennbar oft an der sich
seitlich bewegenden Stabilisierung eines modernen Recurvebogens.) Dieser
leicht seitlich nach rechts auftretenden Verbiegung" wird durch
einen Druck des Daumengrundgelenkes auf die rechte Bogenseite entgegengewirkt,
so dass der Bogen scheinbar wieder gerade" ist. Damit aber
entsteht eine leichte Verwringung" des Bogens, die beim Abschuss
aufgelöst wird und zu einem Umschlagen" des Bogens in
der linken Hand führt, die nur an der Daumenwurzel und dem kleinen
Finger Bogenkontakt hat. Hier sind viele Jahre lang bei jedem Kyudo-Schützen
immer wieder die meisten Fehler in der Technik zu finden. Diesen speziellen
Griff der Hand nennt man Te-no-uchi (der Hand Inneres"). Nach
dem Schuss muss der Bogen festgehalten werden! Ein Öffnen der Hand
oder ein Lockern des Griffes wäre ein großer Fehler!
Welche Kyudo-Stilrichtungen gibt es?
Man unterschiedet die Heki-Schule (15. Jh.), die vom Kriegsschießen
zu Fuß kommend den Bogen schon leicht in Zielrichtung (= Shamen-Stil)
vorspannt und anhebt. Die Osagawara-Schule (= Shomen-Stil) hebt den Bogen
mittig vor dem Körper an. Dieser Stil ist eher ein höfischer
Stil, der so schon aus dem 13./14. Jahrhundert überliefert ist. In
Japan wird überwiegend dieser Sho-men-Stil geschossen, den auch Herrigel
in seinem Buch Zen in der Kunst des Bogenschießens" beschreibt.
In Europa sind zur Zeit die Heki-Schützen in der Mehrzahl.
Das hängt mit der Einführung des japanischen Bogenschießens
durch Herrn Prof. G. Inagaki (Professur für Kyudo) zusammen, der
als Heki-Schütze diesen Stil wissenschaftlich untersucht und Kyudo
erst vor etwa 40 Jahren in Deutschland bekannt gemacht hat. Daneben werden
im Shintoismus besondere Zeremonien immer noch mit Pfeil und Bogen durchgeführt,
zum Beispiel bei der Geburt eines Kindes, der Einweihung von neuen Gebäuden...
Das selten zu sehende Schießen zu Pferde (Yabusame) beherrschen
in Japan nach inoffiziellen Angaben nur etwa 50 Schützen.
Eugen Herrigel spricht in seinem Buch Zen in der Kunst des Bogenschießens"
von Es schießt". Herrigel definiert u. a. den Augenblick
des Abschießens als einen nicht bewusst gesteuerten Moment. Als
Philosophieprofessor muss man ihm zugestehen, dass er mit einem gewissen
Vorverständnis im Bogenschießen auch etwas Philosophisches
gesucht hat und finden musste". Als Anfänger wird man
zunächst die Technik als reines Handwerk jahrelang erlernen müssen,
um dann vielleicht nach langer Zeit einmal einen scheinbar unbewusst abgegebenen
Schuss (kein Denken, keine Vorstellung = musen muso) erleben zu können.
Neue Interpretationen gehen sogar davon aus, dass Herrigels Es schießt"
ein möglicher Übersetzungsfehler oder Verständnisfehler
des nicht so sehr des Japanischen mächtigen Professors gewesen ist!
Warum steht die Scheibe beim Kyudo fast auf dem Boden?
Die Entfernung und die Höhe des Ziels (knapp über dem Boden)
gehen auf die kriegerische Schlachtordnung des Mittelalters zurück.
Die Bogenschützen knieten in Deckung einige Meter hinter der ersten
Reihe der Lanzenträger, die sich mit einem Abstand von etwa 10 Metern
gegenüber standen. Da die Bogenschützen einen Brustpanzer und
Helm, aber nur einen leichten Hüftpanzer aus Leder trugen, schoss
man mit rasierklingenscharfen Pfeilen auf die Bauchgegend.
Wo kann man Kyudo lernen?
Im Internet findet man unter www.kyudo.de
alle wichtigen Hinweise auf deutsche Vereine und Veranstaltungen. Unter
www.kyudo.com gibt es noch mehr englischsprachige
Informationen. Daneben gibt es eine vom Bogenbaumeister Shibata gegründete
Weltorganisation, die ebenfalls über das Internet zu erreichen ist.
[Eine Beurteilung der eher auf mentale Abläufe ausgerichteten Shibata-Lehre
kann ich mir nicht erlauben, da ich sie zu wenig kenne.]
Wie lernt man Kyudo?
Am besten erkundigt man sich über das Internet und sucht sich einen
Verein aus. Regelmäßig werden Einführungsveranstaltungen
angeboten, in denen man das Gehen, das Tragen des Bogens, das richtige
Hinstellen, die Vorbereitung des Bogens zum Schuss, den Bewegungsablauf
mit einem Ziehgummi und das Verlassen der Schießposition erstmals
kennen lernt und schon ausprobieren kann. Die weitere Ausbildung ist dann
von der Anzahl der Trainingseinheiten abhängig.
Wie lange braucht man, um Kyudo zu lernen?
Nur unter sachkundiger Anleitung ist man nach etwa einem halben bis dreiviertel
Jahr in der Lage, erstmals einen Pfeil in der vorgeschriebenen Weise auf
ein Strohbündel (Makiwara) in etwa zweieinhalb Meter Entfernung zu
schießen. Noch einmal drei bis vier Jahre dauert es, so sicher zu
sein, dass man regelmäßig mit vier von zehn Pfeilen die 36
Zentimeter große, dann genau 28 Meter weit entfernte Papierscheibe
trifft. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob man sie in der Mitte
oder am Rand trifft. Wie in anderen fernöstlichen Sportarten gibt
es im Deutschen Kyudo Bund Leistungsprüfungen (Schülergrade
und Meistergrade/DAN). Erst beim 4. DAN müssen beide abgeschossenen
Pfeile treffen! Das ist in der Regel frühestens nach 12 bis 14 Jahren!
Was kostet eine Ausrüstung?
Einfache Bögen gibt es ab 350 €, Pfeile ab 20 €/Stück.
Der nach Maß geschneiderte Schießhandschuh ist nach etwa einem
halben bis einem Jahr notwendig (- vorher übt man mehrere Monate
mit einem Gummiband!) und kostet ab 250 €. Die besondere Kleidung
schlägt mit 150 € zu Buche. Die ersten Monate werden lediglich
Sportbekleidung und Durchhaltevermögen erwartet. Eine Ausrüstung
sollte nur mit nach intensiver Beratung des Trainers gekauft werden, da
Bogen- und Pfeillänge sehr von der Körpergröße und
dem Leistungsstand abhängig sind.
Ist Kyudo gesund?
Unter biomechanischen Gesichtspunkten ist durch eine gleichmäßigere
Belastung beider Körperseiten das Schießen mit dem japanischen
Langbogen in der seit Jahrhunderten erprobten Form durchaus gesünder
als das Schießen mit einem englischen Langbogen oder dem Recurve-Wettkampfbogen,
da hier beide Körperseiten sehr unterschiedlich belastet werden.
Am ehesten ist die Belastung mit einem technisch guten Compound-Schützen
vergleichbar, der beide Schultern, Ellenbogen und Hände jeweils auf
gleicher Höhe hat und aus der Mitte" heraus löst.
Unter psychologischer Sicht ist der prinzipielle Ansatz des Kyudo jedoch
völlig anders! Während im westlichen Bogenschießen das
Treffen als wesentliches Ergebnis im Vordergrund steht und oft auch so
leider auch oft falsch! trainiert wird, wird im Kyudo über
die Erarbeitung einer Bewegungsform über Jahre hinweg eine innere
Einstellung des Schützen erzeugt, der am Gelingen der Bewegung mehr
Freude empfindet als am Zufallstreffer. Jedoch führt die optimale
Bewegungsausführung zwangsläufig auch immer (!) zum Treffer.
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